nous sommes partout

nous sommes partout

Aus Liebe zum Leben

…nous sommes partout, même dans le vide
…patience, patience… ça charge

Aus Liebe zum Leben drohen mir drei Monate Knast. Aus Liebe zum Leben habe ich den Hügel Mormont mit meinem eigenen Körper verteidigt. Aus Liebe zum Leben sass ich auf einen Baum, meine nackte Brust übergossen mit roter Farbe, symbolisch für das Blut unzähliger Lebewesen, das unsere Gesellschaft an den Händen hat. Aus Liebe zum Leben wurde ich von diesem Baum von der Polizei fortgetragen, in eine Zelle gesteckt, beschimpft und eingeschüchtert, meine Rechte wurden missachtet. Aus Liebe zum Leben war ich auf der ZAD de la Colline. Aus Liebe zum Leben nehme ich meine Verantwortung wahr und werde die drei Monate Gefängnis absitzen, die mir als Strafe auferlegt wird, weil ich das Leben schützen wollte und dafür des Hausfriedensbruches beschuldigt werde.

Es hiess, dass alle gewonnen hätten in diesem Kampf um den Mormont, um das Leben. Es hiess, die Bewohner*innen des Hügels hätten der Gesellschaft die Augen geöffnet, Missstände aufgedeckt, Alternativen aufgezeigt. Es hiess, dass die Polizei keine Gewalt angewendet und unser Rechtsstaat sich durchgesetzt habe.

Doch: Wurde wirklich keine Gewalt angewendet? Ist unser Rechtsstaat wirklich so rechtens? Diese Räumung und dessen Folgen ist das Gewalttätigste und Traumatisierendste, das ich jemals erlebt habe. Sie haben zwar nicht scharf geschossen, haben uns keine Knochen gebrochen, haben uns nach 24 Stunden brav wieder aus dem Gefängnis entlassen. Sie haben uns aber klar gemacht, dass wir in dieser Gesellschaft nichts zu sagen haben. Sie haben uns klar gemacht, dass Alternativen keinen Platz haben. Sie haben uns klar gemacht, dass sie uns alles nehmen können, wenn sie es wollen. Sie haben uns klar gemacht, dass das Gesetz in jedem Fall durchgeboxt wird. Sie haben uns klar gemacht, dass wir illegal handeln. Auch wenn unser Leben auf dem Hügel im Einklang mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen legitim war. Sie haben uns klar gemacht, dass sie Träume zerstören können. Sie haben uns klar gemacht, dass die Wirtschaft und das Gesetz um jeden Preis geschützt werden müssen. Das Leben, das wir mit unserem ganzen Herzen, mit jeder unserer Zelle so sehr lieben, ist dabei irrelevant. Es wird von einer Armee schwarzer Riot-Polizisten1 niedergetreten, mit monströsen Maschinen abgetragen, in Hochöfen verbrannt, im Namen des Gesetzes ausgelöscht. Nochmals: Was ist Gewalt? Wen schützt der Rechtsstaat? Haben wir der Gesellschaft wirklich die Augen geöffnet? Anerkennt die Gesellschaft ihre eigenen Missstände? Will unsere Gesellschaft überhaupt Alternativen?

Ich werde diese drei Monate im Gefängnis absitzen. Ich werde jeden einzelnen Tag, welcher ich in einer Zelle verbringen werde, an jenen Baum denken, der mich beherbergt hat und den ich nicht fähig war, zu schützen. Den Baum, auf dem ich eine Hütte gebaut habe, ohne ihm einen einzigen Nagel einzuschlagen, ohne ihm einen einzigen Ast abzusägen, ohne ihm eine einzige Wunde zuzufügen. Den Baum, den ich von ganzem Herzen liebe und von unserem Rechtsstaat getötet wird.

Es tut mir leid, dass ich dich nicht schützen konnte. Diesen Kampf habe ich verloren und werde teuer dafür bezahlen. Du wirst noch teurer bezahlen. Du bezahlst mit deinem Leben. Ich werde aber niemals aufhören für meine Brüder Bäume und Schwestern Blumen zu kämpfen. Ich werde dies tun, solange eine Zelle in mir lebendig ist. Das verspreche ich dir. Ich verteidige nicht die Natur. Ich bin die Natur, die sich verteidigt!

Was ist los auf dem Hügel Mormont?

In Eclépens (VD) will der milliardenschwere Zementhersteller lafargeholcim den vorhandenen Kalksteinbruch auf das Gebiet, das im Bundeslandschaftsinventar aufgeführt ist, erweitern. Der Hügel Mormont wird durch diese Erweiterung wortwörtlich in zwei geteilt. Dabei werden weite Teile ökologisch einzigartiger Flächen vernichtet. Es wird durch diese Erweiterung nicht nur die Zerstörung von Biodiversität in Kauf genommen, sondern es wird dadurch auch eine keltische Kulturstätte, die als europäisches Kulturerbe eingestuft ist, weggesprengt. Lafargeholcim’s zerstörerische Aktionen ziehen sich über den ganzen Globus. Dem in der Schweiz ansässigen Konzern werden Menschenrechtsverletzungen, Kulturerbe- und Umweltzerstörungen vorgeworfen. Zudem ist die Zementindustrie eine der umweltschädlichsten Industrien überhaupt, sie ist extraktivistisch und verursacht 8 % des globalen CO~2~-Ausstosses. Um sich diesem Treiben zu widersetzen, wurde auf dem Hügel Mormont die ZAD de la Colline errichtet. Eine ZAD (zone à défendre) ist ein Weg, um gegen solche extraktivistische und zerstörerische Projekte Widerstand mit unseren eigenen Körpern zu leisten. Darum wurde von Oktober 2020 bis März 2021 der Hügel Mormont besetzt. Am 31. März kam es zur Räumung der ZAD de la Colline. Eine ZAD ist aber auch ein Ort, wo Utopien gelebt werden. Es werden reelle Alternativen zum herrschenden kapitalistisch-patriarchalem System° geschaffen. Solche Orte stellen das Leben in den Mittelpunkt, vor Ort wird im Einklang mit der Flora, Fauna und den Menschen gelebt. Inklusion, Partizipation, Selbstorganisation° und Horizontalität sind wichtige Elemente, um neue Arten des Zusammenlebens zu kreieren. Eine ZAD ist daher nicht nur ein Ort des Widerstandes, sondern auch ein Ort für soziale Experimente und Träume.


  1. Hier wird explizit die männliche Form verwendet, da es hauptsächlich Cis-Männer waren, welche die ZAD geräumt haben. Dies ist Teil der strukturellen Staatsgewalt, die auch in den Texten Drohnen [n°1] und They Don’t see us [n°4] Thema ist. 

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