nous sommes partout

nous sommes partout

Realistische Ziele für radikale Utopien

…nous sommes partout, même dans le vide
…patience, patience… ça charge

Die Voraussetzungen für revolutionäre Politik in Aarau scheinen auf den ersten Blick eher weniger gut, wenn sich Leute in Aarau, in anderen Kleinstädten oder in ländlichen Gebieten zusammentun, um zu versuchen die Gesellschaft entscheidend zu verändern — und damit ist nun nicht gemeint, irgendeine Partei zu wählen, sondern revolutionäre Politik zu betreiben. Es gibt weniger Menschen, mensch ist weniger anonym, der Repressionsapparat scheint einfacheres Spiel zu haben und die Bevölkerung denkt darüber hinaus auch häufiger konservativer als in den Grossstädten. Aber nicht alles ist so ausweglos, wie es auf den ersten Blick scheint.

Oft sind es nur wenige Personen, die sich einer radikalen Politik widmen (wollen). Einzelpersonen haben es schwer, sich mit Gleichgesinnten zu organisieren, denn Anlauf- oder Treffpunkte gibt es nicht immer. So erstaunt es nicht, dass sich Menschen dann oft in bestehenden Projekten in den nächst grösseren Städten engagieren. Von Aarau aus ist es ja nicht weit nach Zürich oder ins Kulturzentrum Bremgarten (KuZeB). Finden sich die Leute aber erstmal zusammen, ist die Anzahl der aktiven Personen gar nicht mehr so wichtig. Denn es braucht nicht hunderte Aktivist*innen, um coole Projekte auf die Beine zu stellen. Das zeigte sich erst kürzlich mit dem alternativen Stadtrundgang in Aarau, welcher Ende Oktober von Einzelpersonen organisiert wurde.

Die Herausforderung ist dann aber, innerhalb dieser Gruppe einen gemeinsamen Konsens über die Art und Weise, wie Politik gemacht werden soll, zu erzielen. Diese Gruppen sind oft eine Art «Zwangsgemeinschaft». Damit meine ich, dass es meist notwendig ist, Kompromisse einzugehen, damit eine solche Gruppe überhaupt funktionieren kann. Die ist sicherlich auch sonst möglich, jedoch denke ich, dass in Kleinstädten solche Überlegungen eher eine Rolle spielen. Denn wenn alle «innerlinken» Diskussionen ausgetragen würden, die Gewaltfrage geklärt und vielleicht noch persönliche Beziehungen mit ins Spiel gebracht würden, stünde mensch wohl schnell alleine da. Dies soll auf keinen Fall bedeuten, dass Diskussionen nicht geführt werden sollen. Eine Ausdifferenzierung zu allen möglichen politischen Ansichten wird aber nicht möglich sein. Eine Heterogenität an Meinungen und Ansichten kann zudem ein grosses Potenzial mitbringen. Ein Austausch über verschiedene revolutionäre Strömungen könnte theoretisch weniger dogmatisch geführt werden, als dies in grösseren Zentren unter Umständen möglich ist. Auch das Verständnis für verschiedene Lebenslagen oder persönliche Situationen muss gegeben sein, damit eine Gruppe funktionieren kann. Verschiedene Ansichten oder Lebenssituationen bieten aber auch viele unterschiedliche Anknüpfungspunkte für die Aktionen einer solchen Gruppe.

Daraus lässt sich möglicherweise folgern, dass es schwierig ist, eine konkrete gemeinsame Utopie zu entwerfen und zu versuchen, die Revolution auszurufen. Wobei es mit der Revolutionären Linken Aargau (RLA) einen Versuch gibt. Aber anders gesagt: Meiner Meinung wäre es wahrscheinlich sinnvoller, alltägliche Kämpfe zu führen, die auf gemeinsamen Interessen basieren. In Aarau war eines dieser Bedürfnisse stets die Freiraum-Thematik. Von 2002 bis 2004 gab es den Verein für alternative Kultur Aarau (fak), der unter anderem das ehemalige Restaurant Gais besetzte oder legal für vier Tage ein Autonomes Jugend Zentrum (AJZ) im Restaurant Krone umsetzte. 2006/07 war die überregionale Gruppe WySuAL aktiv, die das «Tink and Move»-Festival in Lenzburg plante, dies aber schlussendlich ins KuZeB verschieben musste. In den Jahren 2008/09 sorgte die Gruppe Klaustrophobia mit Demonstrationen und mehreren Hausbesetzungen für Aufsehen. 2011 fand das erste nächtliche Tanzvergnügen, eine «Tanzdemo» für Freiräume statt. In den darauffolgenden zwei Jahren beteiligten sich über 1000 Personen an diesen Demonstrationen. Aus diesen nächtlichen Tanzvergnügen entstand 2013 zudem die Kampagne für ein autonomes Zentrum (KAZ). Egal ob Infoladen oder autonomes Zentrum — ein Ort sollte her, wo mensch sich selber organisieren und entfalten kann. Gleichzeitig sollte der Ort aber auch als Anlaufstelle für neugierige Personen dienen. Dies ist ein konkretes Projekt, für das sich gemeinsam kämpfen lässt, auch wenn mensch sich über einem Nebensatz von Marx uneinig ist.

Wurde sich auf ein konkretes Thema geeinigt, das Ziel sowie auch die Methoden klar definiert, ist dies eine solide Grundlage, worauf sich auch eine revolutionäre Politik aufbauen lässt. Der Kampf für autonome Freiräume ist zudem ein Ziel, das nicht nur für die eigene Bewegung erkämpft werden würde, sondern auch bei vielen anderen Bewohner*innen der Stadt auf Anklang stossen könnte. Denn das Bedürfnis nach Freiraum ist gross. Mit dem Thema können auch Menschen ausserhalb der eigenen Bewegung angesprochen werden und so an andere revolutionäre Ideen herangeführt werden. Und hier findet sich eventuell auch ein grosser Pluspunkt kleinstädtischer Politik. Der «Zwang» konkrete Arbeit zu leisten, die über den Tellerrand der eigenen Szene hinaus geht. So wäre es unter Umständen einfacher möglich, revolutionäre Ideen in andere Gesellschaftsschichten hineinzutragen. Etwas, das in Städten mit einer grösseren Szene oft vergessen geht.

Natürlich gibt es auch andere Themen, die sich gut mit der lokalen Situation verknüpfen lassen könnten und über die eigene Szene hinaus gehen: der Kampf gegen Nazis, konkrete Arbeitskämpfe, Gentrifizierungsprozesse usw. Egal bei welchem Thema, es sollte stets bedacht werden, wie damit auch andere Bewohner*innen der Stadt oder des Stadtteils damit «abgeholt werden» können, nicht damit die politische Arbeit zum reinen Selbstzweck wird.

Wieso hat Aarau nach Jahren an Kämpfen für einen autonomen Freiraum dann immer noch keinen solchen? Neben der Frage, für was mensch sich engagiert, ist die andere zentrale Frage wie dies geschieht. Oft habe ich es erlebt, dass versucht wurde, Konzepte von anderen Städten zu adaptieren. Es war irgendwie immer cool, zu sehen, was in Städten wie Zürich, Hamburg oder Kopenhagen passierte. Der Fokus lag eher bei der Reproduktion von Aktionsformen oder der eigenen Subkultur an sich als auf konkreter bzw. zielgerichteter politischer Arbeit. Der Versuch einer Hüttensiedlung mit dem Namen «UTOPIA» 2009 in Aarau war klar an die «Shantytown»-Aktion aus Zürich angelehnt, im gleichen Zeitraum gab es sogenannt autonome Vollversammlungen, die zuvor vor allem in Hamburg und Berlin aufkamen und die Idee des ersten nächtlichen Tanzvergnügen in Aarau, also eine eher offene gestaltete Reclaim The Streets, wurde von Geburtstags-RTS des AZ Köln inspiriert. Wie viele Demonstrationen oder Hausbesetzungsversuche braucht es wohl noch bis dabei Erfolg — also ein Freiraum — rausschaut? In den 00er-Jahren gab es rund zehn Hausbesetzungen oder viel mehr Besetzungsversuche in Aarau. Nur wenige gab es für mehrere Tage und keine länger als eine Woche. Dafür Polizeirepression und zum Teil Geldbussen. Ich möchte auch gar nicht sagen, dass bei einem Kampf für Freiräume nicht auch Häuser besetzt werden dürfen oder sollen. Dies kann für die eigene Gruppe auch durchaus toll sein und Kraft verleihen. Aber wahrscheinlich wird damit kaum ein Autonomes Zentrum (AZ) erschaffen werden. Gruppen in Kleinstädten müssen sich vielmehr mit anderen Strategien behelfen. Und womöglich müssen sie nicht nur innerhalb der eigenen Gruppe, sondern auch gesamthaft erstmal mehr Kompromisse eingehen. Ist es so schlimm, sich mit Vertreter*innen von der Stadt an den Tisch zu setzen? Wäre es nicht irgendwie auch möglich, sich formell zu organisieren, um zum Beispiel einen Mietvertrag zu unterschreiben. Muss es wirklich direkt die ganze Bäckerei sein oder genügt zu Beginn nicht auch Mehl und ein Ofen, um die ersten Brote zu backen?

Dazu war mensch in Aarau über all die Jahre jedoch nie bereit. Das Ergebnis: Auch wenn die geführten Kämpfe sicherlich nicht für nichts waren, ein autonomes Zentrum ist trotzdem nie entstanden. Es ist nach wie vor alles so, wie es schon immer war. Immer wieder neue Leute haben sich engagiert und die meisten haben sich dann längerfristig doch anderen Projekten gewidmet oder sogar resigniert.

Was gäbe es also für Alternativen? Die Situation in Thun glich sehr lange jener in Aarau. Die Gruppe Raumfänger, die Aktion Hausgeist oder das Kollektiv A-Perron organisierte Demonstrationen, Sauvages oder Hausbesetzungen. Wie in Aarau resultierte jedoch nichts Konkretes. Immerhin schafften es die Thuner Aktivist*innen, das Thema so in die Bevölkerung zu tragen. Es gab sicher Phasen in Aarau, wo dies auch der Fall war. Die Thuner*innen liessen sich dann aber auch zu Gesprächen mit Vertreter*innen der Stadt ein. Und dies war bestimmt nicht einfach. Das Ergebnis: Im Winter 2013/14 eröffnete das Alternative Kulturzentrum Thun (AKuT). Vielleicht ist das AKuT nicht das Gelbe vom Ei — diese Analyse überlasse ich den Thuner*innen —, aber es wurde das realisiert, was mensch in Aarau wollte. Ein Treffpunkt, wo es möglich ist, kulturelle Veranstaltungen durchzuführen und darüber hinaus politische Vernetzungsarbeit zu machen. Das Autonome Kulturzentrum in Langenthal (LaKuZ) bestünde nicht bereits seit 20 Jahren, wenn die dort engagierten Personen keine Kompromisse mit der Stadt eingegangen wären. Natürlich sind die vielen Auflagen nervig, mit denen die Betreiber*innen und Besucher*innen des LaKuZ sich da rumschlagen müssen. Aber sind diese im Vergleich zur Wichtigkeit eines solchen Treffpunktes nicht auch ein wenig vernachlässigbar?

Ein anderer Weg wurde in Solothurn eingeschlagen. 2015 wurde dort der Infoladen Cigno Nero eröffnet. Dafür wurde eine Lokalität gemietet. Es ist natürlich nicht einfach, geeignete Räume zu bezahlbaren Mieten zu finden. Jedoch konnte sich erst so ein Treffpunkt in Solothurn etablieren.

Die Option Räumlichkeiten zu mieten, kam in Aarau zwar ab und an auf, wurde aber nie wirklich verfolgt. Zu klein wurden die Chancen angesehen, so etwas umsetzen zu können. Und zu wenig war mensch bereit, die dafür nötigen Massnahmen anzugehen. Also sich damit zu befassen, wie eine solche Lokalität bezahlt werden könnte und ob einzelne Aktivist*innen auch ein Teil der Miete übernehmen würden. Vielleicht war es auch einfach die Angst und die Unsicherheit, wenn mensch sich für ein solches Projekt verpflichtet hätte. Nun müsste mensch wirklich schauen, dass der Laden auch funktioniert, Leute vorbeikommen und Veranstaltungen stattfinden. Die Lokalität müsste zumindest finanziell nicht zu hundert Prozent selbsttragend sein, da es heutzutage verschiedenste Finanzierungsmöglichkeiten gibt. Aber das Geld für ein Freiraum-Projekt auch mittels Crowdfounding, Spendenanlässen oder Stiftungen aufzutreiben, war mensch in Aarau nie bereit. Diesen Weg ging 2019 die offene Werkstatt Prozessor. So konnten die ersten Jahre einer Zwischennutzung realisiert werden, in der nun auch aufgezeigt werden soll, wie wichtig dieser Ort ist, um künftig auf eine breite Solidarität der lokalen Bevölkerung zählen zu können.

Dies hört sich nun vielleicht alles nicht so krass und revolutionär an. Die Geschichte in Aarau hat jedoch zumindest gezeigt, dass sich kein Projekt etablieren oder schon nur mittelfristig halten konnte, wenn dieses sich nicht in einer Form der Legalität bewegte. Es scheint mir aber gerade eine Kontinuität wichtig, um Veränderungen herbeizuführen. Dafür wäre es sicher wichtig, innerhalb von zum Teil regulierten Räumen Strukturen zu schaffen, die dafür sorgen, dass sich das Projekt nicht immer mehr an den gesellschaftlichen Bedingungen anpasst. Es gilt ganz konkret aufzuzeigen, wie anarchistische Praxis gelebt und sie in unseren Alltag integriert werden kann. Auch von Menschen, die nicht in Wagenburgen wohnen oder es sich sonst in der linken Blase gemütlich eingenistet haben. Dafür braucht es viel Geduld und auch Verständnis. Ein solches Projekt gab es 2009. Personen aus dem linksradikalen Spektrum arbeiteten während fünf Wochen mit verschiedenen Menschen aus anderen kulturellen Projekten zusammen und realisierten so «Raumlos!». In den Sommerferien des Wenk wurde ein eigenständiger Kulturbetrieb realisiert.

Momentan entsteht die Interessensgemeinschaft Rockwell. Da finden sich Personen aus ganz verschiedenen Bereichen zusammen, um zu schauen, inwiefern eine Zwischennutzung von Teilen des Rockwell-Gebäudes im Torfeld Süd möglich wäre. Wenn es zu einer Umsetzung käme, würde dies für Aarau ganz neue Chancen geben. Es könnte ein Projekt sein, wo viele Sachen ausprobiert werden könnten und zudem ein Austausch mit verschiedenen anderen Gruppen stattfänden. Das würde sicher nicht immer einfach werden, bietet aber Möglichkeiten. Über die Zwischennutzungen des Gebäudes soll im Dezember 2021 entschieden werden.

Ob dies nun klappt oder nicht, ist noch unklar. Dass sich in den letzten Monaten wieder vermehrt kleine politische Bezugsgruppen in Aarau gebildet haben, macht zumindest Hoffnung, dass künftig versucht wird, radikale Politik auf die Strasse zu tragen — sei dies nun für einen autonomen Freiraum oder zu einer anderen Thematik. Ich hoffe jedenfalls, dass versucht wird, neue Wege auszuprobieren und nicht die immer gleichen politischen Aktionsformen und Methoden zu reproduzieren.

Denn ganz egal ob Dorf, Klein- oder Grossstadt: Zu einer relevanten politischen Kraft werden wir erst wieder, wenn wir es schaffen die «normale» Bevölkerung zu erreichen. Dies geschieht eher selten durch brennende Autos oder klirrende Scheiben, sondern eher durch solidarische Hilfe in Alltagskämpfen. Lasst uns versuchen, den Menschen konkrete Möglichkeiten aufzuzeigen, setzen wir realistische Projekte um, die das Leben aller Bewohner*innen verbessern und zeigen so das Potential einer anarchistischen Gesellschaft auf.

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