nous sommes partout

nous sommes partout

Sich in unserer Klasse verankern

…nous sommes partout, même dans le vide
…patience, patience… ça charge

Als im März 2020 eine Handvoll Aktivist*innen unseren1 Sitzungsraum betraten, betrachteten sie uns misstrauisch. Ungläubig suchten sie unsere Blicke, schmunzelten im Vorbeigehen und schüttelten ihre Köpfe. Zu absurd schien die Szenerie, die sich vor ihren Augen abspielte: Acht Leute, weit voneinander entfernt, an verschiedenen kleinen Tischen sitzend, ihre Nasen und Münder hinter Schutzmasken verdeckt. «Sind die jetzt völlig durchgedreht? Das ist masslos übertrieben», dachten sie wohl im Vorbeilaufen.

Was heute eingefleischte Routine ist, konnte vor fast zwei Jahren noch als hypochondrisches Verhalten abgetan werden — ein vorsichtiges Abwägen der Situation hatte im linksradikalen und anarchistischen Milieu gerade erst begonnen.

Wir sassen also vermummt da, eine historische Situation über uns einbrechend und wussten nicht, wie uns geschah. Die Stimmung war von Ernsthaftigkeit, Ungewissheit, Besorgnis und Neugier geprägt. Täglich erschienen neue Informationen über das Virus, weltweit schien das staatliche Vorgehen widersprüchlich und chaotisch. Die Lage war äusserst volatil — die Sicherheit morgen noch einen Job zu haben ebenfalls. Dennoch war auch eine gewisse Entschlossenheit zu spüren, diesen historischen Moment nicht als passive Betrachter*innen über sich ergehen zu lassen, sondern aktiv einzugreifen. Wir diskutierten viel und ahnten, dass ein Lockdown auf uns zukommen würde. Was für Konsequenzen würde das für unsere Klasse haben, wie gehen wir gestärkt aus dieser Situation heraus?

Wir waren uns schnell einig, dass sich die Situation der Prekarisierten verschlechtern würde und dass eine emanzipatorische Perspektive sich nicht auf den Staat verlassen sollte. Viel eher war es an der Zeit, solidarische Strukturen der gegenseitigen Hilfe aufzubauen, um durch kollektive Verantwortung und nicht durch staatlichen Zwang der Pandemie zu begegnen.

Wir mussten uns zunächst eingestehen, dass viele von uns den Aufbau von ebenjenen Strukturen jahrelang vernachlässigt hatten. Doch zum Glück waren wir nicht alleine. Einige von uns waren schon seit einigen Jahren in der Basisgewerkschaft IWW2 organisiert, wir sind gut in der radikalen Linken und im anarchistischen Milieu vernetzt und in ganz Zürich schossen Nachbarschaftshilfegruppen wie Pilze aus dem Boden. Wir entschlossen uns dazu, bestehende Strukturen zu unterstützen und zugleich Forderungen zu formulieren, sie auf Plakate zu drucken und in verschiedenen Städten zu verteilen — alles flankiert durch einen Blog (coronasoli.ch).

Ab März 2020 wurden Plakate mit folgendem Inhalt in verschiedenen Schweizer Städten verteilt:

Was tun in Zeiten von Corona?

[Gegenseitige Hilfe!]{.smallcaps} Vernetzen wir uns in unserer Nachbarschaft. Unterstützen wir Menschen der Risikogruppe und Kranke.

[Unterstützen wir Arbeitende im Gesundheitsbereich!]{.smallcaps} Pandemiezulagen und mehr Lohn. Die Ökonomisierung der Gesundheit stoppen. Kostenlose Gesundheitsversorgung für alle.

[Solidarische Organisation von Care-Arbeit°!]{.smallcaps} Die zusätzlich anfallende Betreuungsarbeit nicht den Frauen zuschieben. Männer, übernehmt Haus- und Sorgearbeiten!

[Arbeit verweigern!]{.smallcaps} Bleiben wir zuhause und verweigern die Arbeit, wenn wir keine dringlichen Jobs haben. Vernetzen wir uns und unterstützen wir uns bei Repression.

[Voller Lohnausgleich und Unterstützung für Arbeitende]{.smallcaps}, die von den staatlichen Massnahmen betroffen sind. Helfen wir denen, die mit finanziellen Einbussen kämpfen. Keine Sanktionen und Massnahmen in der Sozialhilfe und auf dem RAV.

[Aussetzung der Mieten, Zwangsräumungen verhindern!]{.smallcaps} Öffnung von Leerstand und sichere Unterkünfte für alle. Besonders für Obdachlose, Geflüchtete und für Betroffene von häuslicher Gewalt.

[Öffnung der Ausschaffungsknäste!]{.smallcaps} Evakuierung der Geflüchteten aus EU-Flüchtlingslagern.

Kollektive Verantwortung statt staatliche Zwangsmassnahmen!

Bauen wir jetzt solidarische Strukturen auf! Bereiten wir uns auf die Angriffe vor, die im Zuge der ökonomischen Krise auf uns zukommen.

Die Idee war durch Plakate, Stickers und den Blog eine Präsenz auf den Strassen zu markieren und eine Debatte anzustossen, um zu versuchen möglichst viele Leute zusammenzubringen. Denn, so unsere Analyse dazumal, es war in diesem historischem Moment wichtig zu versuchen, einen breiten, anti-autoritären Zusammenschluss zu etablieren, anstatt in kleinen Splittergruppen isoliert zu bleiben. Verschiedene Gruppen und Einzelpersonen aus unterschiedlichen Orten der Schweiz hatten ähnliche Schlüsse gezogen und sympathisierten mit den Forderungen. Doch wir merkten schnell, dass es gesamtgesellschaftlich betrachtet in jenem Moment keine kollektive und soziale Kraft gab, die in der Lage war, diese Forderungen durchzusetzen. Die jahrelange Selbstisolation eines grossen Teils der linksradikalen und anarchistischen Szene und der damit verbundene selbstreferenzielle Aktivismus wurde deutlicher denn je. Doch anstatt in Resignation zu verfallen, vertieften sich die Diskussionen und Debatten. Wohlgemerkt fanden alle Auseinandersetzungen zu jenem Zeitpunkt online statt, was ungewohnt war und im ersten Moment entfremdend wirkte. Als ob das Internet in unserem Alltag nicht schon genug Zeit auffressen würde. Bei mehreren Online-Sitzungen pro Tag schlägt dieses «Polito-Home-Office» mächtig auf das Gemüt.

Da wir keinen Online-Aktivismus betreiben wollten, suchten wir nach verschiedenen Formen der Praxis, die vor allem während der Pandemie, aber auch über sie hinaus, von Bedeutung sein könnten. In unserer kollektiven Auseinandersetzung schlossen wir an Debatten an, die seit Jahren in der Deutschschweiz geführt werden: Wie können wir uns stärker an Klassenauseinandersetzungen beteiligen, wie durchbrechen wir die subkulturelle Isolation, die einen Grossteil der linksradikalen und anarchistischen Szene ausmacht? Anstatt mit grossen Parolen dem Verbalradikalismus° zu verfallen oder utopische Lebensentwürfe zu skizzieren, waren wir uns einig, dass wir an der Lebensrealität der Menschen unserer Klasse — und somit unserer eigenen unmittelbaren Lebensrealität — anschliessen sollten. Und da dreht sich nun mal, egal ob zu Zeiten der Pandemie oder nicht, vieles um die Arbeit. Sie ist der unmittelbare Ort der ökonomischen Ausbeutung, sie bestimmt wie und mit wem wir viele Stunden unserer Tage verbringen und ist im hiesigen Kontext leider meist Terrain sozialpartnerschaftlicher Abkommen anstatt klassenkämpferischer Auseinandersetzungen. Auch wenn der Arbeitsfrieden für die Prekarisierten einer Zwangsjacke gleichkommt und die Gewerkschaften mit ihrer ideologischen «swissness» stolz auf die Zähmung der Arbeiter*innen sind, ist die Lage nicht komplett hoffnungslos. Obwohl die Situation alles andere als rosig war, war eins klar: Es führt nichts am Kampf in der unmittelbaren Lebensrealität der Prekarisierten vorbei!

Dies hatten auch andere Gruppen und Einzelpersonen erkannt. In den letzten Jahren wurde in verschiedenen Städten versucht, eine klassenkämpferische Praxis auf den Arbeitsplätzen zu etablieren. In Zürich versuchten beispielsweise Leute in verschiedenen Betrieben eines der grössten Catering-Unternehmen der Schweiz — bekannt durch miserable Arbeitsbedingungen — zu intervenieren. Die Angst der Arbeiter*innen war zu gross, um effektiv Widerstand zu leisten, doch es wurden viele Informationen gesammelt und dokumentiert und Kontakte geknüpft. Zugleich bildeten sich die letzten Jahre auch neue Gruppen wie das Gastra Kollektiv, das im Juni 2019 im Zuge des feministischen Streiks entstand, und Basisgewerkschaften wie die IWW und die FAU Bern3 erfreuten sich über Mitgliederzuwachs. Es braute sich also seit längerem etwas zusammen und erst im Zuge der Pandemie und im Rahmen des Corona-Soli-Projekts entwickelten sich all diese verschiedenen Erfahrungen, Ideen, Analysen und Praxen zu einer städteübergreifenden Zusammenarbeit. Inspiriert durch verschiedene Projekte wie z. B. das Telefono Rosso aus Napoli oder das Solifon Basel wurde das Corona-Solifon gegründet. Zu den beteiligten Gruppen haben wir bereits im Mai letzten Jahres in einem Interview mit dem Ajour Magazin4 festgehalten:

«Das Corona-Solifon ist ein Zusammenschluss verschiedener Basisgruppen und Basisgewerkschaften. Das Gastra Kollektiv besteht aus FINT-Personen, die in der Gastronomie tätig sind. Sie vereint die Wut gegen den Sexismus und die Ausbeutung in der Gastronomie. Die FAU Bern und die IWW sind (anarcho-)syndikalistische Basisgewerkschaften. Das Solnet ist ein Solidaritätsnetzwerk, welches Lohnabhängige bei Problemen mit Chefs oder Vermieter*innen unterstützt und versucht gemeinsam mit ihnen Perspektiven des Widerstands zu entwickeln.»

Eines der neueren Solifon-Plakate enthielt folgenden Text:

Die Coronakrise beeinträchtigt den Alltag von uns allen. Wir hören viel und oft Falsches darüber, die Menschen sind verunsichert, eingesperrt und ohnmächtig. Wir von Corona-Soli finden es wichtig, dass sich Arbeiter*innen in dieser Zeit gegenseitig solidarisch unterstützen.

Ist dir unrechtmässig gekündigt worden oder hast du Angst, dass mensch dir kündigt?

Arbeitest du auf Abruf und bekommst keine Arbeit mehr?

Weisst du nicht, wie du für deinen Erwerbsausfall Geld beantragen kannst?

Hast du Unregelmässigkeiten in denen Lohnzahlungen?

Werden an deinem Arbeitsplatz die Schutzmassnahmen nicht richtig eingehalten?

Musst du viel mehr arbeiten als sonst und wirst dafür nicht bezahlt?

Du bist damit nicht alleine. Ruf uns an und wir versuchen dir zu helfen.

Corona-Solifon: Anfänge und erste Schritte5

Der Gedanke, eine arbeitsrechtliche Hotline zu gründen, wird bei den meisten Leuten aus der linksradikalen und anarchistischen Szene wohl kaum Gefühle der Euphorie auslösen. Eine am Telefon sitzende vermummte Gestalt mit einem Gesetzesbuch anstatt einem Stein in der Hand, hat wenige Chancen das ästhetische Empfinden der Radikalen zu befriedigen. Ganz im Gegenteil: Eine arbeitsrechtliche Hotline klingt langweilig und mühsam. Das mag daran liegen, dass mensch sich dabei ein unübersichtliches bürokratisches Gestrüpp vorstellt, das einem die Haare zu Berge stehen lässt. Die zusätzliche Aussicht auf innige Stunden mit allerlei Gesetzesartikeln macht das Ganze nicht besser. Doch die Geburtsstunde des Solifons wies erstaunlich pragmatische Züge auf. Neben einer Gruppe motivierter Leute, von denen einige arbeitsrechtliche Erfahrung hatten und andere nicht, brauchte es lediglich Plakate, ein Handy und ein Schichtplan.

Wohlgemerkt war uns zweierlei klar: 1. Wenn wir Leute wirklich erreichen wollten, mussten wir von Montag bis Freitag erreichbar sein — dementsprechend errichteten wir unseren Schichtplan. 2. Ein Grossteil derjenigen Menschen, welche die beschissensten Jobs ausführen und die ökonomischen Konsequenzen der Pandemie am deutlichsten spüren würden, sind Migrant*innen. Daher druckten wir die Flyer in circa neun verschiedenen Sprachen.

Diese wurden auf den Strassen verschiedener Quartiere, in Apotheken, an Bahnhöfen und in Einkaufszentren aufgelegt, in Briefkästen geworfen und vereinzelt an Passant*innen verteilt — zu jenem Zeitpunkt waren immer noch genügend Menschen auf der Strasse und an Bahnhöfen anzutreffen. Unsere Plakate zierten bald Mauern und Anschlagbretter in mehreren Städten, lokale Radios im Raum Zürich spielten unseren Jingle und Social Media übernahm den Rest: Die Nachricht der Gratis-Beratungshotline verbreitete sich schnell und schon in den ersten Wochen nach unserem Start, Anfang April 2020, klingelte zum ersten Mal das Solifon.

Interne Struktur und kollektive Zusammenarbeit

Da wir keine Räumlichkeiten für die Arbeitsrechtsberatungen hatten, leiteten wir das Telefon jeweils auf die schichthabende Person um, die dafür zuständig war, die Telefonate entgegenzunehmen und das erste Gespräch zu führen. Währenddessen hielten sich andere bereit, um gegebenenfalls mit Rat zur Seite stehen zu können. In den einfacheren Fällen konnten bereits beim ersten Anruf die Fragen beantwortet oder der*m Anrufer*in geholfen werden; beispielsweise beim Ausfüllen des Antrags auf Kurzarbeitsentschädigung (KAE). Dies war jedoch nicht oft der Fall. In den meisten Fällen war es erst nach viel Recherchearbeit und nach Rücksprachen mit anderen der Gruppe möglich, ein Vorgehen zu empfehlen. Dazu richteten wir einen gruppeninternen Support-Chat ein, in dem offene Fragen gepostet und zeitnah von den anderen beantwortet wurden. Dieses Ausnutzen der Schwarmintelligenz war von enormer Bedeutung, denn wir hatten den Anspruch, Menschen kompetent zu beraten und solidarisch zu unterstützen: Durch den gruppeninternen Support-Chat konnten wir zeitnah Erfahrungen und Wissen austauschen. Denn einige Leute hatten einiges an Erfahrungen mit dem Arbeitsrecht, andere sahen sich zum ersten Mal mit rechtlichen Fragen konfrontiert, während einige hingegen eher Erfahrung mit Organisierungsprozessen hatten und vielleicht eher ein Gespür dafür besassen, wann ein Kontakt über eine rein individuelle Beratung hinausgehen konnte. Und obwohl wir auf diese Weise viel voneinander lernten und mit jedem im Chat besprochenen «Fall» auch selbst mehr Selbstvertrauen in die eigenen Beratungsfähigkeiten fassten; Mut brauchte es allemal, sich für einen Dienst zu melden und am Telefon auf Anrufe zu warten.

Da viele von uns Mitte April 2020 nicht mehr zur Arbeit mussten oder konnten, wurde einiges an Ressourcen frei, die für den Aufbau und die Betreuung der Hotline genutzt werden konnten. So war der Support-Chat immer eine zuverlässige Echokammer für Fragen in den Beratungen, die wöchentlich stattfindenden Onlinesitzungen waren gut besucht und es fanden sich genügend Leute, sowohl für die Telefondienste selbst, wie auch dafür, Fälle zur Betreuung zu übernehmen — sei dies weil sie die Sprache des*r Anrufenden besser sprachen, mehr Kenntnisse in gewissen Bereichen mitbrachten oder einfach, damit die Arbeitslast auf mehr Menschen verteilt wurde. Manchmal bedeutete nämlich die Betreuung einer Person eine Empfehlung für ein Vorgehen abzugeben und weiter aber auch die Person über einen längeren Zeitraum hin zu begleiten, Gespräche zu führen und auf Veränderungen in der Situation reagieren zu können. Obwohl diese Arbeit viel zeitliche Ressourcen brauchten und oft Stress verursachten, empfanden viele von uns die teils fast freundschaftlichen Kontakte mit den Anrufenden als sehr bereichernd. Ebenfalls war und ist unsere Basisarbeit° dadurch motiviert, Menschen die Erfahrungen zu ermöglichen, dass es sich lohnt, sich — im besten Fall kollektiv — zur Wehr zu setzen. Gerade Letzteres braucht eine gewisse Vertrauensbasis und ein (politisches) Verständnis dafür, dass es sich immer lohnt, sich gegen jene stark zu machen, die sonst immer entscheiden wo’s langgeht. Solche Prozesse sind langwierig und bedürfen viel kommunikative Arbeit, die wir aber alle bereit waren, zu leisten.

Wieso das Solifon kontaktieren?

In den ersten Wochen beschäftigten viele Anrufende das Thema der Kurzarbeit und die Unsicherheit darüber, ob sie Anspruch darauf hätten. Gerade für Arbeiter*innen im Stundenlohn oder (Schein-)Selbstständige änderten sich gefühlt täglich die Auflagen, die für den Bezug von KAE erfüllt sein mussten. Zudem wurden unter dem Vorwand der Pandemie Leute entlassen, um Firmen zu restrukturieren. Viele standen ohne Lohn da und wussten nicht wie weiter, sie hatten Konflikte mit der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) bzw. der Arbeitslosenkasse (ALK). Eine junge Mutter, die als Poolmitarbeiterin im Hortsystem der Stadt Zürich eine Anstellung hatte, bekam beispielsweise aufgrund der Situation keine Stunden mehr, während die Stadt ihr aber nicht kündigte. Gerade in der Situation als Alleinerziehende und im fortbestehenden Arbeitsverhältnis mit der Stadt galt sie fürs RAV als «nicht vermittlungsfähig», bekam keine Arbeitslosengelder und stand ohne nichts da. Sie war nicht alleine: Je länger der Lockdown anhielt, desto mehr Menschen riefen an, weil sie ihren Job verloren hatten oder durch die Pandemie in arge Geldnot geraten waren. Unser wachsendes Netz an Kontakten zu anderen Gruppen und Initiativen erlaubte uns Menschen weiterzuvermitteln, wenn deren Anliegen unsere Kompetenzen überstiegen. Zugleich ermöglichte es uns genügend Informationen zu haben, um zu wissen, wo Menschen in akuter Geldnot direkt geholfen werden konnte.

Mit dem Fortschreiten der Krise erreichten uns aber auch immer mehr Fragen zur Kinderbetreuung, da die Kitas und Kinderhorte geschlossen waren. Andere Anrufer*innen hingegen hatten Probleme mit ihrer Wohn- oder Mietsituation, oder mit ihren Chef*innen, die, um Kosten zu sparen, nicht genügend Schutzmassnahmen einführten — an einigen Orten wurden nicht mal Masken oder Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. An anderen Orten hingegen bedeuteten die neuen Sicherheitsmassnahmen einen Mehraufwand für die Arbeiter*innen, für den sie jedoch nicht entlohnt wurden. Ab Mitte Mai studierte eine kleine Gruppe unter uns diverse Sicherheitskonzepte an Arbeitsplätzen und versuchte anhand der verzeichneten Anrufe und der Konzepte zu erkennen, was wirklich benötigt würde, Sicherheit gab und nützlich wäre.

Mit der Zeit wurden die Fälle, die wir selbst bearbeiteten, komplexer und wir verbrachten mehr Zeit mit den Menschen. Ab Mitte Mai hatten wir erste Fälle, wo wir Leute vor den*die Friedensrichter*in begleiteten, teils als Unterstützung in den Verhandlungen, teils begleitet von kleinen Solidaritätsaktionen.

Es gelang uns sogar, kollektive Ansätze mit einigen Anrufenden zu verfolgen: Wir standen ihnen solidarisch und unterstützend zur Seite und gaben ihnen Tipps, wie sie am besten vorgehen könnten, um gemeinsame Forderungen aufzustellen und diese mit möglichst viel Druck an die Vorgesetzten heranzutragen. In Fällen von Lohnklau, das heisst, wenn ein*e Arbeitgeber*in KAE vom Staat kassiert, aber nicht die ganzen Beträge an die Arbeiter*innen ausbezahlt, leuchtete es ein, dass sich organisieren und kollektives Handeln wichtig ist, da dies alle Arbeiter*innen an einem Arbeitsplatz betrifft.

Selbstkritischer Rückblick

Das Solifon bedeutete für viele von uns, der Schockstarre zu entkommen, in der sich viele Linksradikale und Anarchist*innen zu Beginn der Pandemie befanden. Wir alle waren begeistert von der grossen Solidarität innerhalb der Gruppe, der Verbindlichkeit und dem kollektiven Tragen von Verantwortung. Die Kommunikation untereinander funktionierte und die Anfänge des Projekts waren für viele der Gruppe wohl einer der wenigen motivierenden Aspekte angesichts der sonst dominierenden Unsicherheit. Die aus Unsicherheit und Pathos geborenen aber doch für viele als purer Hohn daherkommenden Aktionen, wie das Beklatschen von Arbeiter*innen in «systemrelevanten» Berufen durch die Bevölkerung, waren genauso wenig hoffnungsvoll wie die wenigen Aktionen aus dem linksradikalen Milieu. Wir suchten vergebens nach Beispielen einer Praxis, die an der veränderten Lebensrealität der Prekarisierten anknüpfte und ihre Probleme und Ängste angesichts der Pandemie ernst nahm. Einige behaupten, das sei reformistische Arbeit, die von der Sozialdemokratie und dem Staat übernommen werden sollte. So waren es auch ähnliche Aspekte, die innerhalb der Gruppe Ungeduld oder Unzufriedenheit hervorriefen, die auch kritische bis negative Stimmen aus dem linksradikalen und anarchistischen Milieu über unser Projekt lautwerden liessen. Eine davon ist die Kritik, dass das Solifon — wie auch viele andere Basisprojekte — in eine Dienstleistungsfalle gerät. Das heisst, dass wir gratis eine individuelle Dienstleistung anbieten würden, für die andernorts bezahlt werden muss und die Arbeit aber darüber hinaus keine politische Dimension hätte, nicht zu politischer Aktion oder sonstigen Formen von direktem und vor allem kollektivem Widerstand führe. Unsere Antwort auf solcherlei Kritik war immer klar: Das stimmt so nicht. Nur weil wir nicht in der dritten Woche des Solifons bereits einen Streik unterstützen konnten, medienwirksame Aktionen oder Demos organisiert hatten oder eine Systemanalyse präsentierten und Forderungen anbrachten, heisst das nicht, dass diese Arbeit reine Dienstleistungserbringung ist. Für uns war und ist immer klar: Wir müssen Teil von sozialen Klassenbewegungen sein. Wir müssen uns mit den Menschen, so unterschiedlich sie sein mögen, ihren Problemen und Anliegen aus den gelebten proletarisierten Realitäten auseinandersetzen. Nur so können wir verstehen, was unsere Klasse ausmacht, wie sie zusammengesetzt ist und im konkreten Fall, wie und wo sich die Pandemie auf die Menschen auswirkt. Wir denken nicht, dass uns maximalistischer Verbalradikalismus zu diesem historischen Zeitpunkt weiterbringt und begrüssen Ansätze, welche die Lebensbedingungen der Prekarisierten verbessern, auch wenn dadurch der patriarchale Kapitalismus nicht unmittelbar überwunden wird. Es ist, was die Organisationsform und kollektive Kampferfahrung unserer Klasse angeht, ein Unterschied, ob diese Verbesserungen von einer Partei ausgehen oder selbstorganisiert und in gegenseitiger Hilfe fernab politischer Repräsentationen geschehen. Da der Staat kein materielles Objekt, sondern ein soziales Verhältnis ist, dessen Überwindung u. a. an die kollektive und horizontale Selbstorganisation sämtlicher Lebensbereiche gekoppelt ist, wird es auf unterschiedlichen Ebenen Strukturen der gegenseitigen Hilfe brauchen, um den Staat zu zerstören. Diese können nicht Teil einer ideologisch festgefahrenen subkulturellen Identität sein, sie müssen an der materiellen Realität der Menschen anschliessen.

Der Vorwurf, wir wären nur Laien, welche die gleiche Arbeit machen würden, wie Gewerkschaften oder andere professionelle Anlaufstellen oder Organisationen, nur einfach schlechter, finden wir ebenfalls nicht gerechtfertigt. Natürlich sind nicht alle unserer Gruppe geschult in Arbeitsrechtsfragen und es bringen nicht alle die gleiche Sicherheit mit, wenn es darum geht Empfehlungen zu Fragen abzugeben, wie am besten vorgegangen werden soll in den Gesprächen mit den Mitarbeiter*innen. Dennoch haben wir durchaus sehr erfahrene Leute dabei und die Qualität unserer Beratungen durch das Schwarmintelligenz ausnutzende Verfahren im Chat stets gegeben. Wir funktionierten aber im Gegensatz zu den bekannten Gewerkschaften des Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) aber nicht wie eine Versicherung, wo mensch über eine gewisse Zeit hinweg zahlendes Mitglied gewesen sein muss, um Hilfe oder Unterstützung zu bekommen: Wer bei uns anrief, wurde ernst genommen und wir taten, was wir konnten. Ebenfalls anders als professionellere Anlaufstellen oder Gewerkschaften machten wir nie eine Abwägung, ob sich das Verfolgen eines Falls «lohnte», ob die Ressourcen aufgebracht werden konnten beziehungsweise, ob es nicht strategisch klüger wäre, einen Fall zugunsten eines vielleicht lukrativeren oder erfolgversprechenderen fallen zu lassen. Es hat sich gezeigt, dass dies wirklich inklusiv ist, dass wir Ungelernte, Temporäre, migrantische oder andere in den Systemgewerkschaften untervertretene Gruppen genauso abholen und unterstützen konnten, wie Facharbeiter*innen oder Leute in Branchen oder Situationen, die typischerweise vielleicht nicht so gewerkschaftsnah sind.

Natürlich war beim Solifon nicht alles rosig und wir sind nur ein kleines Beispiel einer kollektiven Selbstorganisation. Obwohl von der Organisation des Solifons gerade am Anfang und über lange Zeit ziemlich viel sehr gut funktionierte, trat nach einigen Monaten auch ein wenig Frust auf. Wir hatten gehofft, dass die Leute, die uns kontaktierten, nicht bloss an einer arbeitsrechtlichen Dienstleistung interessiert sind, sondern auch längerfristig mit uns zusammenarbeiten möchten und sich zum Beispiel selbst am Arbeitsplatz organisieren würden. Leider war das relativ selten der Fall, obwohl die Leute wussten, dass viele in ähnlichen Situationen waren wie sie selbst. In vielen Fällen bestand bei den Anrufenden wenig Verständnis dafür, wieso wir ihnen einfach so, ganz ohne Bezahlung halfen und entsprechend war auch ihr Interesse an kollektiven Aktionsformen gering bis nicht vorhanden. Das führte zu Frust und Ermüdung und wir hatten auch teils schwierige Diskussionen innerhalb der Gruppe. Hinzu kam eine gewisse Erschöpfung unsererseits, denn Basisarbeit frisst extrem viel Zeit. Wir mussten viel lesen, recherchieren, diskutieren und dann noch mit den betroffenen Menschen alles besprechen. Das geht mit einer grossen Verantwortung einher, denn die Lebensbiographien und Lage all der verschiedenen Menschen gingen uns sehr nahe und wir wollten auf keinen Fall Fehler machen und ihre Situation verschlechtern.

Wir haben versucht in die politischen, sozialen und ökonomischen Verwerfungen der Pandemie einzugreifen — manchmal mit Erfolg und sehr bereichernden Erlebnissen, manchmal blieb nur Erschöpfung übrig. Insgesamt haben wir viel gelernt, Kontakte geknüpft und städteübergreifende Netzwerke gestärkt. Zudem hat sich u. a. durch das Solifon und die Arbeitsrechtsberatungen von Solnet, die Gruppe Zürich Solidarisch konstituiert, die nun in Zürich im Treffpunkt für Armutsbetroffene Kafi Klick Arbeitsrechtsberatungen anbietet, Abende zum Austausch und solidarischer Vernetzung organisiert oder Workshops zu immer wiederkehrenden Fragen durchführt, wie aktuell der Problematik von Temporärarbeit. Leute vom Solifon sind bei diesem Projekt ebenfalls dabei und können viel von den beim Solifon gemachten Erfahrungen nutzen, seien sie im rechtlichen Bereich oder in der Begleitung von Menschen in Auseinandersetzungen mit den kapitalistischen Widersprüchen. Insgesamt können wir ganz lapidar festhalten: «Es lohnt sich aufs Tor zu schiessen, denn auch wenn mensch vielleicht zwanzig Mal danebenschiesst, so gibt’s doch auch manchmal ein Treffer.»


  1. Damit ist eine anti-autoritär kommunistische Theoriegruppe gemeint. 

  2. Die Industrial Workers of the World (IWW) ist eine von Arbeiter*innen geführte, radikale, internationale Basisgewerkschaft, die 1905 in den USA gegründet wurde. In der Schweiz gibt es aktive Gruppen in verschiedenen Städten, in denen die Mitglieder branchenübergreifend organisiert sind. Es sind verschiedene theoretische Strömungen in der (historischen) IWW vertreten, am stärksten ist ein syndikalistisches Verständnis von Gewerkschaft verbreitet. Das Ziel der IWW ist es, das Lohnarbeitssystem abzuschaffen. Sie tut dies über Organisierung und direkte Aktion am Arbeitsplatz aber auch in der Nachbarschaft, in Mietshäusern oder Gefängnissen. Es geht darum, selbstbestimmt und kollektiv handeln zu lernen, um die neue Gesellschaft in der Schale der alten aufzubauen. 

  3. Die Freie Arbeiter*innen Union Bern (FAU Bern) ist eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft im Raum Bern. Sie ist ein Ortssyndikat der FAU Schweiz. Die FAU versteht sich als basisdemokratische und kämpferische Alternative zu den sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften. 

  4. Das Ajour Magazin ist ein selbstorganisiertes Onlinemagazin aus der anarchistischen und kommunistischen Bewegung in der Schweiz. 

  5. Das Solifon wurde anfangs Dezember 2021 eingestellt. 

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