nous sommes partout

nous sommes partout

Wenn aus Vermummung Maskenplicht wird

…nous sommes partout, même dans le vide
…patience, patience… ça charge

Seit einigen Jahren ist das NO WEF Winterquartier fester Bestandteil der Berner Mobilisierung gegen das world economic forum (wef). Jedes Jahr finden sich zu dem Anlass diverse Aktivist*innen aktueller Kämpfe und lokaler Projekte sowie Expert*innen politischer Themen in der Berner Reitschule ein. Mit Vorträgen, Filmen und Ausstellungen wird der Widerstand gegen das herrschende System ein Wochenende lang sichtbar gemacht und diskutiert. Das wef und die Akteure, die es anzieht, sind der ideale Anlass für eine breite Gegenmobilisierung. Da von Vertreter*innen von Nationalstaaten bis zu Grosskapitalist*innen alle im Januar in Davos zusammenkommen, sind für kurze Zeit die direkten Feinde der meisten Widerstandsbewegungen an einem Ort. Aus diesem Grund sehen wir die NO WEF Mobilisierung in einer wichtigen Rolle, denn an ihr lässt sich aufzeigen, was all die globalen und lokalen Protestbewegungen verbindet: Es ist der Kampf gegen den Kapitalismus.

Auch im Winter 2020 hatte sich darum wieder eine grössere Gruppe zusammengefunden, um für das Jahr 2021 das Winterquartier in Bern zu planen. Diese grössere Gruppe ist, wie es oft läuft, mit der Zeit zusammengeschrumpft. Die verbleibenden drei Frauen mussten angesichts der Pandemielage flexibel bleiben, sowohl aufgrund der Verschiebung des wef an sich als auch wegen Unsicherheiten bezüglich Einschränkungen von Veranstaltungen. So wurde das geplante Winterquartier zum Frühlingsquartier. Da sich die Situation in Bezug auf Covid nur schlecht einschätzen liess, einigten wir drei uns darauf, internationale Kämpfe in der Form von Interviews und Videos zu porträtieren und lokale Kämpfe in Form von Online-Veranstaltungen vorzustellen. Die Unsicherheit, ob es für internationale Gäst*innen möglich sein würde, einzureisen, war zu gross.

Ähnlich gross war der Aufwand, die Covid-bedingten Hürden zu meistern — der Ertrag oder das Interesse der Leute in Bern schwindend klein. Wohl aus drei Gründen: Erstens ist die linksradikale politische Landschaft spätestens seit der Pandemie karg und statisch, zweitens war nach einem Jahr Home-Office die Motivation für weitere Online-Veranstaltungen aufgebraucht und drittens war am betreffenden Wochenende auch noch wunderschönes Wetter. Dies hätte dann aber zur Ausstellung laden können, die draussen stattfand. An Stehtafeln konnten QR-Codes eingelesen werden, die zu Interviews und Videos führten. So konnte mensch die Stimmen von Aktivist*innen aus verschiedenen Ländern auf dem eigenen Smartphone anhören. Die Ausstellung führte nach Südamerika, konkret nach Kolumbien und Ecuador, wo Menschen unentwegt und trotz der Pandemie gegen neoliberale Regimes kämpfen. Der Beitrag von Medina1 führte die Besucher*innen auf die wenige hundert Meter entfernte Schützenmatte, wo die während dem Notstand so oft beschworene Solidarität praktisch gelebt wurde — unter anderem durch eine warme Mahlzeitenabgabe. Sie führte zu unseren Genoss*innen in Lyon, die neben konstanter Antifa-Arbeit während der Pandemie auch zunehmend Nachbarschaftshilfe betrieben. Ein Beitrag nahm die Besucher*innen nach Belarus mit, wo die Pandemie im Gegensatz zu vielen anderen Ländern die linksradikale Bewegung nicht blockierte, sondern auftrieb. Und sie begleitete Menschen in Bosnien und Griechenland, wo das Leben der Geflüchteten und die Arbeit derer, die sie unterstützen, durch die Pandemie zusätzlich erschwert wurde.

Doch auch diese vielfältigen und beeindruckenden Beiträge haben kaum Leute angezogen. Für uns als organisierende Gruppe war dies sicher eine Enttäuschung. Doch der Kontakt zu den verschiedenen Gruppen, die zu Interviews, Videos und Onlineveranstaltungen beigetragen hatten, war sehr inspirierend. Es konnte festgestellt werden, dass viele Gruppen während der Coronakrise von ihrem eigentlichen Fokus wegkamen und sich der Situation in ihren Städten oder Quartieren anpassten. Es gab Nachbarschaftshilfen, Radioprojekte oder andere einfallsreiche Gruppenaktivitäten. Es war schön zu sehen, dass nicht alle in einer Schockstarre verharrten und auf bessere, geimpfte und zertifikatspflichtige Zeiten warteten, sondern stattdessen kreativ wurden.

Auch die Online-Vorträge von lokalen Gruppen wie 500k.ch/Basel Nazifrei2, Seebrücke Bern und 8. März Unite zeigten diverse Ansätze, wie während der Pandemie weiterhin revolutionäre Arbeit geleistet werden kann — einfach auf andere Art und Weise: Aus Solikonzerten wurde eine Onlinekampagne, aus Vermummung Maskenpflicht. Umso grösser war unser Frust darüber, dass nur wenige Menschen mit diesen wertvollen Diskussionsbeiträgen erreicht wurden.

So verschieden die Kämpfe waren, so einte alle eines: der Wunsch sich auszutauschen, Kämpfe zu verbinden, voneinander zu lernen und Solidarität zu leben. Es war erstaunlich, wie sehr sich die Gruppen gefreut haben, dass sich wer für sie, für ihren Alltag und ihre Kämpfe interessierte. Es gab nicht viel, was wir in der Situation machen konnten, aber es war wichtig, unseren Genoss*innen rund um die Welt zuzuhören. Es ist klar, dass die Pandemie dazu führte, dass laufende Kämpfe vergessen wurden und sich die einzelnen Bewegungen um ihre lokale Situation kümmern mussten. Weil der Kontakt und der Austausch erschwert wurde, waren lokale Gruppen auf sich allein gestellt. Alle waren gezwungen, ihre eigenen Lehren aus der Pandemie zu ziehen. Teilweise schien es fast so, als würde die Welt stillstehen. Doch wenn mensch sich die Mühe machte und hinsah, gab es so viele Leute, die sich um andere Menschen kümmerten, die sich zu nachbarschaftlicher Hilfe zusammenschlossen, die sich weiterhin gegen Ungleichheit zur Wehr setzen. Für die linke Bewegung ist das unserer Ansicht nach zentral. Denn wenn wir hinschauen, wie unsere Genoss*innen in anderen Ländern ähnliche Probleme lösen, können wir daraus etwas für unsere Praxis lernen und unsere Methoden den Umständen anpassen. Das wäre der technische Aspekt. Genauso wichtig ist aber die emotionale Komponente: Isolation macht hoffnungslos. Nur durch Austausch mit anderen Gruppen können wir spüren, dass wir nicht alleine sind im Kampf für eine bessere Welt. Der Kontakt mit unseren Genoss*innen ermöglicht es uns, trotz ständiger Repression und Ausbeutung den Blick für die Revolution nicht zu verlieren.

Für uns ist klar, dass es im Januar 2022 wieder ein Winterquartier geben wird. Weil wir durch unsere Arbeit und durch die Vernetzung mit den verschiedenen Gruppen sehen, wie wichtig es ist, dass wir von anderen lernen können, um das eine oder andere auch in die eigenen Kämpfe zu integrieren. Die Motivation und der Kampfgeist sollen bis zu uns kommen und von uns wieder zurück, damit die bestehenden Kämpfe dieser Welt noch stärker werden. Die beteiligten Menschen sollen spüren, dass sich immerhin drei Frauen für sie, ihren Kampf und ihren Alltag interessieren. La lucha continua!


  1. Der Text Für eine Welt, in die viele Welten passen [n°63] gibt noch mehr Einblicke in das Projekt Medina

  2. Was dort genau ab- und schiefging beleuchtet der Text Wir sind alle antifaschistisch [n°65]. Der Text Solidarität, Solidarität, Solidarität [n°66] gibt Einblicke in Theorie und Praxis eines politischen Prozesses. 

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