nous sommes partout

nous sommes partout

Zoa und das Schweinchen

…nous sommes partout, même dans le vide
…patience, patience… ça charge

Zoa — mein 2,5-jähriges Kind — macht Mittagsschlaf. Ich habe nun circa eine Stunde Zeit. Ich sollte auch eine Pause machen, geht manchmal aber einfach nicht. Dann halt müde durch den Nachmittag. Aber was essen, das geht parallel zum Schreiben.

Ja, ich habe mich für ein Kind entschieden. Der gesellschaftliche Druck auf mich war gefühlt nicht gross, aber unterbewusst bestimmt präsent. Ich war teilweise eher gehemmt, es Teilen von meinem Umfeld zu sagen. In der Linken kommen Kinder nicht nur gut an, auch aus verständlichen Gründen. Da ist der miserable Zustand unserer Welt, den wir dem Kapitalismus zu verdanken haben und der Widerstand gegen das stereotype Frauenbild, in dem wir nur ganz «Frau» sind, wenn wir irgendwann — und bitte nicht zu spät — Mutter werden. Trotzdem habe ich mich dafür entschieden.

Kinder bedeuten für mich Hoffnung und somit gebe ich die Hoffnung für diese Welt nicht auf. Ganz im Sinne von Hannah Arendt, die sagte, jede Geburt ist eine kleine Revolution, weil «die potenzielle Rettung der Welt allein darin begründet liegt, dass sich die menschliche Gattung immer wieder und für immer erneuert». Bis jetzt habe ich die Entscheidung nicht bereut, obwohl mir die Zukunft unserer Welt grosse Sorgen bereitet. Und klar, es ist viel, es ist stressig. Wir leben als Kleinfamilie zusammen und der sanfte Versuch, unsere Familie grösser zu denken und zu machen, scheitert an den verschiedenen Lebensentwürfen, die vollgepackt sind mit Arbeit und anderen Prioritäten — da bleibt wenig Zeit für Kinderbetreuung. Ich sehe, dass das Modell Kleinfamilie nicht optimal funktioniert. Es braucht mehr Menschen, um ein Kind zu begleiten, um nicht ständig gestresst und übermüdet zu sein und doch stecken wir darin fest. Im Moment jedenfalls noch.

Noch 40 Minuten Zeit. Maximal.

Heute Morgen haben wir drei Kinderbücher mitgenommen, die wer zum Mitnehmen auf eine Bank gelegt hat. Und schwups haben wir eines erwischt, das rassistisch ist. Gerade bei älteren Kinderbüchern geht es kaum ohne Sexismus, Rassismus oder Speziesismus. Auch meine Kinderheldinnen wurden davon nicht verschont — ich meine, ich habe Pipi Langstrumpf geliebt, aber der Kontext ist leider stark geprägt vom Kolonialismus. Es ist durchaus anstrengend, alle Medien, die Zoa konsumiert, zu hinterfragen und auszusieben, aber ich glaube das ist immanent wichtig. Wir alle wurden dadurch geprägt und das ist Teil von unserer diskriminierenden Gesellschaft. Immerhin geht was, sagt meine Buchhändlerin des Vertrauens. Es erscheinen viele Kinderbücher mit vielfältigen Lebensentwürfen. Bücher, in denen die Familien nicht aus Mama, Papa und zwei Kindern bestehen. Bücher mit BIPoC° (Black, Indigenous and People of Color) und Bücher über Kinder, die sich nicht im binären Geschlechtermodell einordnen lassen. Sie führen (noch) ein Nischendasein, was sich in der Haltung der Gesellschaft widerspiegelt. Wenn Zoa rosa oder ein Röckchen trägt, gehen die meisten Menschen davon aus, dass Zoa ein Mädchen ist. So sind wir gepolt. Immer noch. Und die Wirtschaft treibt das voran. Es ist lukrativer, einer Familie mit zwei Kindern mit unterschiedlichem biologischem Geschlecht zweimal den ganzen Satz Kleider und Spielsachen zu verkaufen. Und doch gibt es Hoffnung und gerade die Themen Rassismus und Sexismus werden mehr und mehr diskutiert und reflektiert. Schwieriger wird es, wenn es um den Speziesismus geht. Wir möchten Zoa beibringen, dass die Leben anderer Tiere1 genauso wertvoll sind wie die unsrigen und jedes Lebewesen ein Recht auf Leben hat bzw. haben sollte. Und genauso wie wir dagegen sind, dass Menschen aufgrund von äusserlichen Merkmalen diskriminiert werden, sind wir dagegen, dass andere Tiere diskriminiert werden, alleine weil sie einer anderen Spezies angehören. Dementsprechend ernähren wir uns vegan, Zoa ausserhalb von zuhause vegetarisch. Das geht vielen zu weit. Im Mainstream heisst es immer noch, dass vegane Ernährung eine Mangelernährung und somit besonders für Kinder schädlich ist. Die Herausforderung stellt sich bereits bei der Suche nach einer*m Kinderärzt*in, der*die dieser Ernährungsform nicht komplett abgeneigt ist. Bei den Grosseltern und ihrem Umfeld geht es weiter. Ich musste mir schon Fragen anhören wie: «Aber gell, du zwingst deinem Kind deinen Ernährungsstil nicht auf?». Damals wusste ich noch nicht richtig, wie ich darauf antworten soll; heute habe ich zum Glück gute und vor allem fundierte Argumente und ein gesundes und wohlgenährtes Kind, das in keinster Weise so aussieht, wie sich die Mehrheit der Menschen ein vegan ernährtes Kind vorstellen.

Noch 30 Minuten, soll ich doch noch eine Pause machen? Ja, vielleicht später.

Klar, vegane Ernährung geht nicht ohne Supplemente, aber das ist bei omnivoren Kindern nicht anders. Viele, wenn nicht sogar die meisten Kinder in der Schweiz, kriegen mindestens bis zum zweiten Lebensjahr Vitamin D — von der Krankenkasse bezahlt. Viele speziell für Kinder entwickelte Produkte enthalten zugesetzte Vitamine und Mineralstoffe, häufig sind diese Produkte erst gar nicht vegan (vgl. jemalt).

So oder so ist es mir lieber, Zoa kriegt kontrolliert B12 und Omega 3, als dass Zoa all das mitisst, was sich in tierlichen2 Produkten befindet. Angefangen bei Antibiotika, Schwermetallen, Dioxinen. Fun-Fact: das BAG hat vor kurzem eine Studie herausgegeben, die sagt, dass in der Schweiz gestillte Babys den zugelassen Wert von Dioxinen (sogenannte Umweltgifte) um das 150-fache überschreiten. Nicht erwähnt wurde, dass wir diese Umweltgifte vor allem durch tierliche Produkte zu uns nehmen, da sich diese Umweltgifte besonders in tierlichen Fetten ablagern, beispielsweise in der Kuhmilch. Dadurch gelangen sie zu uns und landen wiederum in der menschlichen Muttermilch. Was viele weiter nicht wissen, ist, dass anderen Tieren ebenfalls Supplemente verabreicht werden. Unsere Böden sind beispielsweise B12-, selen- und jodarm. Ausserdem erhalten die meisten sogenannten Nutztiere Kraftfutter aus Monokulturen, welche die Böden ausgelaugt haben. Darum werden die genannten Vitamine und Mineralstoffe dem Futter beigemischt. Wir konsumieren also so oder so ein Supplement, entweder direkt oder durch ein anderes Tier.

Noch 20 Minuten und ich bin leergeschrieben. Ich mache ein anderes Mal weiter.

Heute ist Zoa bei den Grosseltern. Ohne sie ginge es nicht. Wir leben in einem System, indem wir auf die Care-Arbeit° der Grosseltern angewiesen sind, wenn beide arbeiten oder eine erwachsene Person alleine die Kinder grosszieht (was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist). Selbst mit ihnen kann es psychisch anspruchsvoll werden. Auf eine Art leben wir ständig am Limit, fällt wer von uns aus, fällt das schöne Kartenhaus in sich zusammen.

Aber zurück zum Thema. Mir geht es nicht darum, einzelne Personen an den Pranger zu stellen. Ich bin mir sicher, dass die meisten Eltern jeweils das beste geben und dass ich das Privileg habe, mir über solche Dinge Gedanken machen zu können. Das System ist das Problem, und meine Art zu leben ist meine Kritik daran. Dabei ist es mir wichtig, dass nicht der Veganismus das Privileg ist, sondern die Tatsache, dass wir tierliche Produkte masslos und zu unverschämt tiefen Preisen konsumieren können. Der Veganismus ist die Antwort auf diese Dekadenz. Es ist aber schwierig, daraus auszubrechen. Ich selber habe die meiste Zeit meines Lebens tierliche Produkte konsumiert, weil es als normal gilt, als wichtig, als gesund. Die Fleisch- und Kuhmilchlobby hat hier ganze Arbeit geleistet. Und Gewohnheit ist eine starke Kraft.

Die Zeit verfliegt, ich muss los, erst noch ein bisschen das Chaos aufräumen, dann Pyjama und Zahnbürste packen und ab zu den Grosseltern.

Geschafft, eine Pizza, ein Bilderbuch und eine grosse Krise später ist Zoa auf dem Weg von den Grosseltern nach Hause eingeschlafen. Ich habe nun bisschen Zeit und erstaunlicherweise Energie, um zu schreiben.

Mit diesem Thema fühle ich mich häufig sehr alleine. Ich kenne nur eine andere, sich vegan ernährende Familie. Viele können es sich nicht vorstellen, besonders wenn Kinder ins Spiel kommen, dabei gibt es in meinen Augen viel Positives, darüber wird viel zu wenig gesprochen. Neben dem, dass es — wenn richtig gemacht — gesünder ist, fällt auf eine Art eine seltsame Doppelmoral weg. Zoa liebt andere Tiere und macht (noch) keinen Unterschied zwischen Katzen, Schweinchen oder Hühnern: Zoa mag sie alle. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Zoa es gut heissen würde, gäbe ich Zoa ein totes Stück eines dieser Tiere zu essen. Kinder sind empathisch und haben ein Gefühl für Ungerechtigkeiten. Ich habe das Gefühl, dass wenn wir offen und ehrlich den Kindern sagen würden, was sie da essen und wie das für die anderen Tiere ist, sie sich häufig gegen diesen Konsum entscheiden würden.

Ich bin sehr gespannt auf diesen Prozess mit Zoa, aber so weit sind wir noch nicht. Zoa weiss seit kurzem anhand von einem toten Falter, was tot bedeuten könnte und dass wir keine Muttermilch von anderen Tieren trinken, weil wir deren Babys die Milch nicht wegnehmen möchten. Aber Zoa ist noch zu klein, um die weiteren Zusammenhänge herzustellen. Wir haben aber ein Kinderbuch, indem es um eine Schweinchen-Familie geht. Der Bauer will das Papa Schwein mit ans Schlachtfest nehmen und das kleine Schweinchen will nicht, dass sein Papa nie mehr zurückkommt. Also erfindet er alles Mögliche von pflanzlichen Würsten über Agar-Agar bis hin zu pflanzlichem Leder. Wir schauen uns das ab und zu an, weil Zoa mag, wie das Schweinchen kocht. Ich versuche es so altersgerecht abzuändern, dass Zoa eine Geschichte verstehen kann. Das letzte Mal habe ich Zoa gefragt, was denn der Bauer mit dem Papa Schwein anstellen will und die Antwort war: «spielen». Diese Antwort hat mich sehr berührt und mir wieder einmal gezeigt, wie positiv und unvoreingenommen kleine Kinder sind. Seit Zoas Geburt ist mir wahnsinnig eingefahren, wie frei Babys zur Welt kommen. Kein Mensch wird als Rassist*in, als Sexist*in oder als Speziesist*in geboren. Wir, unsere Gesellschaft und die Medien, schreiben diese Dinge in die Kinder ein. Das ist eine enorme Verantwortung, derer ich mir früher nicht bewusst war. Heute versuche ich diese voll wahrzunehmen, mit allen Schwierigkeiten, die da kommen: Beispielsweise zu thematisieren, aus welchen Gründen wir keine tierlichen Produkte essen und gleichzeitig mitgeben, andere Menschen deswegen nicht abzulehnen.

Veganismus und Anti-Speziesismus sind Systemkritik und nicht einfach eine Lifestyle-Entscheidung. Und das geht auch mit wenig Geld, denn davon hatten wir nie viel. Ich glaube, dass wir uns damit beschäftigen müssen, was wir essen und wie wir es essen. Der Kapitalismus hat auch hier seine Grenzen der Ausbeutung erreicht, und wir brauchen neue Wege, wie wir Sorge zum Planeten, anderen Tieren und zu uns selbst tragen können. Veganismus ist nicht die Lösung dafür, aber ein Schritt in eine andere Richtung.

Ist das ein gutes Schlusswort? Keine Ahnung, aber jetzt muss ich wirklich mal Pause machen.

P.S:

Zoa und ich waren bei Freund*innen zu Besuch. Zoa wollte immer ein Bilderbuch anschauen, in dem verschiedene «Bauernhöfe» dargestellt werden. Auf diesen Höfen leben die Tiere glücklich und frei miteinander zusammen. Dazwischen war eine Abbildung welche «tollen» Produkte wir von den anderen Tieren erhalten. Hier ist ein Problem verwurzelt. Wir lehren den Kindern, dass Bauernhöfe idyllische Orte sind, an denen Menschen und andere Tiere friedlich zusammenleben. Wir lehren ihnen, dass die anderen Tiere uns «ihre» Produkte freiwillig geben. Wir lehren es ihnen, weil es uns gelehrt wurde. Die Realität sieht anders aus. Die Realität ist mehrheitlich gewaltvoll und unempathisch. Ich habe nun angefangen, beim Erzählen von Lebenshöfen zu sprechen, denn das kommt der Bilderbuchdarstellung näher. Und innerlich schreie ich vor Wut über das, was wir den anderen Tieren tagtäglich antun.


  1. Es ist bewusst die Rede von «andere Tiere», weil das impliziert, dass auch wir Tiere sind und weniger einen Unterschied manifestiert, den wir durch unsere speziesistische Sprache ansonsten generieren. Dieser Begriff wird hier gegenüber «nicht-menschliche Tiere» bevorzugt, da dieser vom Mensch als der Norm ausgeht und somit eine Hierarchisierung impliziert. Es wird schliesslich bei weiblich gelesenen Menschen auch nicht von «nicht-männlicher Mensch» gesprochen. 

  2. Es wird bewusst «tierlich» anstatt «tierisch» verwendet, weil «tierisch» grundsätzlich negativ konnotiert ist, analog zu weibisch oder kindisch. 

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